Zum Inhalt springen

Führung & Leadership

Die ersten 90 Tage als neue Führungskraft

Die ersten 90 Tage als neue Führungskraft: So klärst du Erwartungen, gewinnst Vertrauen und schaffst wirksame erste Erfolge.

02. Oktober 2023 7 Min. Lesezeit

Die ersten 90 Tage als neue Führungskraft KI-generiert

Am ersten Tag sitzt du mit deinem neuen Team am Tisch, alle schauen dich an und erwarten Orientierung. Vielleicht kennst du einzelne Mitarbeitende schon, vielleicht übernimmst du ein Team nach einer Vorgängerin oder einem Vorgänger. Der Impuls ist oft derselbe: schnell zeigen, dass du kompetent bist, Probleme lösen und erste Veränderungen ankündigen. Genau hier entstehen viele vermeidbare Fehler. In den ersten 90 Tagen geht es nicht darum, alles umzukrempeln. Es geht darum, das Geschäft, die Menschen und die Erwartungen so gut zu verstehen, dass du bewusst führen kannst.

Die ersten 90 Tage haben drei klare Aufgaben

Dein Start als Führungskraft lässt sich in drei Phasen gliedern. Die Grenzen müssen nicht starr sein. Entscheidend ist die Reihenfolge: erst verstehen, dann Orientierung schaffen, dann wirksam verbessern.

ZeitraumDein SchwerpunktKonkretes Ergebnis
Tage 1 bis 30Zuhören und analysierenDu verstehst Aufgaben, Rollen, Abläufe, Beziehungen und aktuelle Probleme.
Tage 31 bis 60Erwartungen klären und priorisierenDas Team kennt Ziele, Zuständigkeiten, Regeln der Zusammenarbeit und nächste Schritte.
Tage 61 bis 90Erste Verbesserungen umsetzenEs gibt sichtbare, sinnvolle Erfolge und eine tragfähige Führungsroutine.

Diese Logik gilt auch dann, wenn von dir schnelle Ergebnisse erwartet werden. Du musst nicht passiv sein. Du sollst früh Verantwortung übernehmen, aber auf Grundlage von Beobachtungen statt vorschnellen Annahmen.

Tage 1 bis 30: Verstehen, bevor du entscheidest

In den ersten Wochen sammelst du Informationen. Dabei reicht es nicht, Prozesse, Kennzahlen und Organigramme zu lesen. Du musst verstehen, wie die Arbeit im Alltag tatsächlich läuft: Wo entstehen Wartezeiten? Wer trifft informell Entscheidungen? Welche Konflikte schwelen unter der Oberfläche? Welche Leistungen des Teams werden von anderen Bereichen übersehen?

Plane deshalb früh Einzelgespräche mit allen Mitarbeitenden. Sie sind kein höflicher Einstiegstermin, sondern dein wichtigstes Diagnoseinstrument. Nimm dir Zeit, höre zu und mache dir nach jedem Gespräch Notizen.

Diese Fragen helfen dir dabei:

  • Was läuft in unserem Team aus deiner Sicht besonders gut?
  • Was erschwert dir die Arbeit regelmäßig?
  • Welche Aufgaben oder Entscheidungen sind unklar?
  • Was erwartest du von mir als Führungskraft?
  • Woran würdest du in drei Monaten merken, dass sich etwas verbessert hat?
  • Welche Zusammenarbeit mit anderen Teams funktioniert gut, welche nicht?
  • Was sollte ich auf keinen Fall verändern, bevor ich die Hintergründe kenne?

Sage zu Beginn eines Gesprächs klar, worum es dir geht: „Ich möchte verstehen, wie du arbeitest und was du brauchst, um gute Ergebnisse zu erzielen. Ich werde nicht jede Beobachtung sofort bewerten oder eine Lösung versprechen. Aber ich nehme deine Hinweise ernst und komme auf wichtige Punkte zurück.“

Das ist wichtig, weil Vertrauen nicht dadurch entsteht, dass du sofort auf jede Forderung eingehst. Vertrauen entsteht, wenn Mitarbeitende merken, dass du aufmerksam zuhörst, nachvollziehbar entscheidest und Zusagen einhältst.

Beobachte auch die Zusammenarbeit

Neben Einzelgesprächen brauchst du Eindrücke aus dem Arbeitsalltag. Nimm an Regelterminen teil, ohne sie sofort neu zu strukturieren. Sprich mit wichtigen Schnittstellen, etwa anderen Führungskräften, internen Auftraggebenden oder Projektleitungen. Frage nicht nur: „Wie zufrieden sind Sie mit dem Team?“ Frage konkreter: „Wo verlieren wir in der Zusammenarbeit Zeit?“, „Welche Erwartungen sind nicht eindeutig?“ und „Was sollte ich über die Vorgeschichte wissen?“

Achte dabei auf wiederkehrende Muster. Einzelne Kritik kann berechtigt sein, aber erst mehrere ähnliche Beobachtungen zeigen dir, wo ein echtes strukturelles Thema liegt.

Erwartungen mit deiner eigenen Führungskraft klären

Viele neue Führungskräfte konzentrieren sich stark auf ihr Team und vergessen die Erwartungen der eigenen Führungskraft. Das führt später zu unangenehmen Überraschungen. Vereinbare deshalb früh ein Gespräch, das über eine allgemeine Begrüßung hinausgeht.

Kläre insbesondere diese Punkte:

  • Welche Ergebnisse werden in den nächsten Monaten erwartet?
  • Welche Themen haben höchste Priorität?
  • Wo habe ich Entscheidungsfreiheit, wo brauche ich Abstimmung?
  • Woran wird meine Führungsleistung gemessen?
  • Welche Konflikte oder Risiken sind bereits bekannt?
  • Welche Veränderungen sind gewünscht, welche bewusst nicht?
  • Wie und wie häufig soll ich berichten?

Formuliere am Ende deine Zusammenfassung: „Ich nehme mit, dass für die nächsten Monate die Stabilisierung von X und die Verbesserung von Y Vorrang haben. Bei Z entscheide ich eigenständig, bei größeren Auswirkungen auf Bereich A stimme ich mich vorher ab. Ist das so richtig?“

Diese Rückversicherung verhindert, dass du mit guten Absichten an den falschen Themen arbeitest. Sie schafft außerdem eine verlässliche Arbeitsbeziehung nach oben.

Tage 31 bis 60: Orientierung geben und Zusammenarbeit vereinbaren

Nach der Analysephase erwarten Mitarbeitende zu Recht, dass du Position beziehst. Du musst noch keinen vollständigen Masterplan präsentieren. Aber das Team braucht Klarheit darüber, was du erkannt hast, worauf ihr euch konzentriert und wie ihr künftig zusammenarbeitet.

Teile deine Beobachtungen in einem Teamgespräch transparent. Trenne dabei sauber zwischen Fakten, Eindrücken und Entscheidungen. Zum Beispiel: „Ich habe wahrgenommen, dass wir bei Übergaben häufig Rückfragen haben und dadurch Zeit verlieren. Das ist kein Vorwurf an Einzelne. Wir prüfen jetzt gemeinsam, welche Informationen bei Übergaben verbindlich vorliegen müssen.“

Ein guter Orientierungsrahmen beantwortet vier Fragen:

  1. Was ist unser gemeinsamer Auftrag?
  2. Welche zwei oder drei Ziele haben aktuell Vorrang?
  3. Wer trägt für welche Themen Verantwortung?
  4. Wie arbeiten wir zusammen, wenn es Unklarheiten, Fehler oder Konflikte gibt?

Besonders wichtig sind klare Erwartungen an Kommunikation und Verlässlichkeit. Vereinbare nicht zu viele Regeln. Wenige Regeln, die wirklich gelebt werden, sind wirksamer. Denkbar sind etwa feste Entscheidungswege, eine klare Vorbereitung für Besprechungen, der Umgang mit dringenden Anfragen und eine Regel für Eskalationen.

Du kannst sagen: „Mir ist wichtig, dass Probleme früh auf den Tisch kommen. Niemand muss mit einer fertigen Lösung erscheinen. Wer ein Risiko erkennt, spricht es an und beschreibt kurz, welche Unterstützung gebraucht wird.“ Damit legst du den Grundstein für psychologische Sicherheit, also ein Klima, in dem Risiken früh angesprochen werden.

Erste Erfolge ermöglichen, statt große Umbauten anzukündigen

In den Tagen 61 bis 90 setzt du gezielt erste Verbesserungen um. Wähle keine Symbolmaßnahmen, die nur Aktivität zeigen. Suche Themen, die für das Team spürbar sind und zugleich zum Auftrag beitragen.

Geeignete erste Erfolge können sein:

  • eine unklare Zuständigkeit verbindlich klären,
  • einen wiederkehrenden Abstimmungsfehler beseitigen,
  • eine überflüssige Schleife in einem Ablauf reduzieren,
  • eine Entscheidung herbeiführen, die lange festhing,
  • Arbeitslast transparenter verteilen,
  • ein wichtiges Konfliktthema sachlich bearbeiten.

Prüfe vor jeder Maßnahme drei Fragen: Ist das Problem wirklich verstanden? Haben die betroffenen Mitarbeitenden ihre Sicht eingebracht? Können wir die Wirkung im Alltag erkennen?

Kommuniziere auch kleine Verbesserungen konkret: „Seit wir die Übergabe mit dieser Checkliste vorbereiten, fehlen deutlich seltener Informationen. Das spart Rückfragen und erleichtert den Start in die nächste Aufgabe.“ So machst du Fortschritt sichtbar, ohne dich selbst in den Mittelpunkt zu stellen.

Passende Seminare und Termine findest du bei uns auf cmt.de.

Vertrauen im Alltag aufbauen

Vertrauen entsteht nicht durch eine Ankündigung wie „Meine Tür steht immer offen“. Es entsteht durch wiederholbare Erfahrungen. Dein Team beobachtet genau, wie du unter Druck reagierst, wie du über Abwesende sprichst und ob deine Worte zu deinem Handeln passen.

Achte besonders auf diese Verhaltensweisen:

  • Halte Zusagen ein oder informiere frühzeitig, wenn sich etwas verzögert.
  • Begründe Entscheidungen, vor allem wenn nicht alle Wünsche erfüllt werden können.
  • Sprich Kritik direkt und respektvoll an, nicht über Dritte.
  • Würdige gute Arbeit konkret, statt nur pauschal „Danke“ zu sagen.
  • Gib Verantwortung nicht nur ab, sondern kläre auch Entscheidungsspielräume.
  • Stehe vor dem Team für dessen Arbeit ein, ohne Fehler zu verdecken.

Eine hilfreiche Formulierung bei einer schwierigen Entscheidung lautet: „Ich verstehe, dass diese Entscheidung für euch zusätzliche Arbeit bedeutet. Ich habe die Optionen geprüft und entscheide mich aus diesen Gründen dafür. Wir schauen in zwei Wochen gemeinsam, welche Auswirkungen das hat und was wir nachsteuern müssen.“

Typische Anfangsfehler und wie du sie vermeidest

Der häufigste Fehler ist der vorschnelle Umbau. Neue Führungskräfte wollen häufig beweisen, dass sie einen Unterschied machen. Wenn du jedoch eingespielte Abläufe ohne ausreichendes Verständnis veränderst, verlierst du Wissen und erzeugst Widerstand.

Ein zweiter Fehler ist übermäßige Nähe. Gerade wenn du aus dem Team heraus befördert wurdest, möchtest du vielleicht zeigen, dass „alles wie bisher“ bleibt. Das wird nicht funktionieren. Du bleibst respektvoll und zugewandt, übernimmst aber eine andere Verantwortung. Vertrauliche Informationen, Leistungsentscheidungen und Konflikte verlangen Klarheit in deiner Rolle. Wenn du aus dem eigenen Team aufgestiegen bist, lohnt sich dazu der Beitrag Vom Kollegen zur Führungskraft.

Ein dritter Fehler ist, schwierige Themen aufzuschieben. Dieses Aufschieben ist eine Form von Prokrastination, die dich als Führungskraft teuer zu stehen kommt. Zuhören bedeutet nicht, Konflikte monatelang zu vertagen. Wenn du ein akutes Problem erkennst, etwa respektloses Verhalten, dauerhafte Unzuverlässigkeit oder ein erhebliches Risiko, sprich es zeitnah an. Sage beispielsweise: „Ich möchte erst ein vollständiges Bild gewinnen. Dieses Verhalten kann ich aber so nicht stehen lassen. Wir klären jetzt, was passiert ist und was sich ändern muss.“

Deine Checkliste für Tag 90

Nach rund drei Monaten solltest du diese Fragen überwiegend mit „Ja“ beantworten können:

  • Kenne ich die wichtigsten Aufgaben, Risiken und Schnittstellen meines Teams?
  • Habe ich mit allen Mitarbeitenden mindestens ein fundiertes Einzelgespräch geführt?
  • Sind Erwartungen meiner eigenen Führungskraft konkret geklärt?
  • Weiß das Team, welche Ziele und Prioritäten aktuell gelten?
  • Sind Rollen, Zuständigkeiten und Entscheidungswege ausreichend klar?
  • Habe ich mindestens eine sinnvolle Verbesserung gemeinsam mit dem Team umgesetzt?
  • Gibt es feste Routinen für Austausch, Feedback und Nachverfolgung?
  • Wissen Mitarbeitende, wofür ich als Führungskraft stehe und was sie von mir erwarten können?

Die ersten 90 Tage entscheiden nicht endgültig über deinen Führungserfolg. Sie prägen jedoch, wie glaubwürdig und verlässlich du wahrgenommen wirst. Wenn du erst verstehst, dann Orientierung gibst und anschließend konsequent handelst, schaffst du eine Grundlage, auf der dein Team gute Arbeit leisten kann.

Nächster Schritt

Passenden Kurs zu Führung finden.

Feste Termine, erfahrene Trainer, bundesweit als Präsenz oder Live-Online und mit Durchführungsgarantie. Buchen kannst du direkt auf cmt.de.